Inhalt

Prolog    

Schweben im Moor der Erinnerungen    

In Quarantäne    

Der Mann aus dem Moor  

Heiligendamm und der Hühnergott  

Die Melodie der Windröschen 

Von Kabul nach Bad Doberan 

Schwester Reginalda 

Der Neue aus Ostberlin  

Der Opernmusiker 

Die italienische Geige  

Lothar und Daniel Barenboim, Berlin 1989–1991 

Dreimal 8.Mai  

Ethik und Moral   

Darß und der Italienblick   

Die Klavierlehrerin aus Kevelaer   

Michelle, ma belle – Puerto Soller   

Michelle, ma belle – Paris  

„Wer nicht denken will – fliegt raus“ sich selbst 

Hamburg und Onkel Pö 

Im Gespensterwald  

Moor und mehr: Holz und die ökologische  

Bedeutung von Sümpfen 

Epilog

‍Prolog  

‍Splitternackt stand ich vor ihr. Sie im hellblauen Schwesternkleid. Diskret musterte sie mich von oben bis unten. In meiner Vorstellung suchte ich nach einem körperlichen Makel, der ihr jetzt in den Blick fallen könnte, einer nicht verheilten Narbe oder – vielleicht meine Bauchwölbung? Es waren lange Sekunden, die mein Selbstbewusstsein etwas ankratzten. Schwester Monika sagte nichts, aber ihr strenger Blick auf meine Uhr signalisierte: „Sie wollen wirklich so ins Moor steigen?“ Meine wasserdichte Armbanduhr legte ich also auch ab, ein Accessoire, das mich vor dem Gefühl, ganz nackt zu sein, immer bewahrt hatte. Jetzt spürte ich intensiv die Bedeutung von „sich nackt fühlen“. 

‍Sie deutete auf eine mit braunem Schlamm gefüllte stählerne Wanne und sagte knapp: „Sie können jetzt einsteigen“. Vor­sichtig, ein Bein nach dem anderen, tauchte ich ein in das dunkelbraune, warme Etwas. Eine wohlige Wärme erfasste meinen ganzen Körper. Sofortige Entspannung trat ein und die anfängliche Scham war vergessen. Ja, ich freute mich und lächelte die Schwester an. 

Schweben im Moor der Erinnerungen   

Was wäre die Welt ohne Erfindungen und Entdeckungen? Was wäre die Welt ohne unsere Lust, sie zu entdecken, Neues zu finden und zu erlernen? So gibt es nicht nur große Erfindungen, sondern auch viele kleine Entdeckungen, die schon in der Schulzeit ihren Anfang finden. Mich hat die Faszination, traditionelle Denkweisen zu überschreiten und Neues zu erfinden, immer begleitet. Designer zu werden war für mich daher die richtige Lebensentscheidung.

Die genialsten Erfindungen der Menschheit sind wohl die Entdeckung des Feuermachens und die Schöpfung von Schriftzeichen. Viel später haben dann zwei erfindungsreiche Menschen auch für Licht gesorgt. Ein Italiener aus Como, Alessandro Volta, entdeckte den Strom, und der Amerikaner Thomas Alva Edison wandelte die Wachskerze zur Dekoration und brachte elektrisches Licht in unsere Häuser. Die Glühbirne veränderte unser aller Leben.

Die jeweils bessere technische Erfindung schickt die vor­herige ins Museum. Dass dies auch das Schicksal des Ottomotors sein wird, ist kaum vorstellbar, man weiß es aber nicht. Die Transformation von Energie ohne Strom ist aus heutiger Sicht gar nicht vorstellbar. In der Geschichte weiter zurück – und nicht museal aufbewahrt – gibt es eine unscheinbare, aber weitreichende Entdeckung. Eine Frucht, die im Verborgenen wächst und größten Nährwert besitzt – die Kartoffel!

Friedrich der Große steht als Förderer und Entdecker der „Teufelsknolle“ in den Geschichtsbüchern. Jedes Jahr am 17.August, Friedrichs Todestag, erhält seine Grabstelle in Potsdam neuen Grabschmuck: frische Brandenburger Kartoffeln. 

Soweit zu Preußens Kartoffeln, wäre da nicht mein Ham­burger Orthopäde, der wohl auch eine Nähe zu diesen Knollen hatte. Ich lebte noch nicht lange in der Hansestadt, mein erster Job als Möbeldesigner machte viel Freude und meine Arbeitszeit war lang und unkontrolliert. Über eine ergonomische Haltung beim Zeichnen am Schreibtisch wurde nicht nachgedacht, und Rückenschmerzen stellten sich ein. „Geh doch mal zum Orthopäden“, war der Ratschlag meiner Kollegen. Warum nicht? Die übliche Röntgenprozedur – bitte gerade stehen, hier festhalten, bücken, zur Seite drehen – brachte ich hinter mich, und saß erwartungsvoll vor dem großen, mit Büchern beladenen Schreibtisch des Doktors.

In der Ecke stand ein am Schädel aufgehängtes Skelett eines Menschen. Sicherlich hatte ich mir einen wissenschaftlich arbeitenden, sorgfältigen Mediziner ausgesucht, bei den vielen Büchern? „Tja“, sagte er, ins Zimmer kommend, „Schauen Sie mal auf das Rückgrat des Skelettes und sehen Sie sich die einzelnen Wirbelknochen an.“ Okay. „Wenn man sich Ihre Wirbel als Kartoffelknollen vorstellt und sie einer Qualitätsprüfung wie in der Landwirtschaft unterzieht, wäre der Preis ihrer Wirbel, freundlich gesagt, eher niedrig.“ Umgehend fiel mir der Grab­schmuck von Friedrich ein, die Kartoffelmetapher hatte mich getroffen. Ich sah meine Wirbel als aneinandergereihte, stark deformierte braune Knollen, die jedes Jahr erneuert werden müssen. Die Botschaft war aber klar: Aus dem Rücken wird nichts mehr. 

Er empfahl mir noch, ich solle mich doch mal mit einem Mann namens Joseph Pilates beschäftigen. Der hätte als Deutscher in Amerika ein besonderes Rückentraining erfunden. Bei dem Namen Pilates dachte ich eher an meinen Religionsunterricht, denn da gab es den bösen Pontius Pilatus. 

Natürlich hatte ich allen die Geschichte mit den Kartoffeln erzählt, und meine Familie machte Witze über meinen Kartoffel-Rücken; „der Kartoffel-Doktor“ war bald das geflügelte Wort. Humor ist eine gute Sache, um mit großen Problemen fertig zu werden. Besonders viel Spaß fand ich später an „Horst Schlämmer“, einer Kunstfigur des Komikers Hape Kerkeling. Der „stellvertretende Chefredakteur des Grevenbroicher  Tag­blatts“ lebte in einem spießigen Einfamilienhaus in Grevenbroich und wurde zur Kultfigur des Films „Hort Schlämmer – Isch kandidiere!“. Er erinnerte mich stark an meinen Vater; den niederrheinischen Akzent hatten sie gemeinsam, und das Verkürzen und Wiederholen von Problemen auch: „Schätzelein, isch hab Rücken.“ Im Film bückte Schlämmer sich leicht, eine Hand am Rücken, und sagte diese vier Worte ohne weitere Erklärung. Das gefiel mir, und jedes Mal, wenn meine Lebensgefährtin Ella mal wieder fragte, warum ich so degoutiert schaue, sagte ich dann „Schätzelein, isch hab Rücken“, oder gekürzt, wenn die Schmerzen zu groß waren, „Habe Rücken“. Das Zitat half mir jahrelang, mein Leiden nicht mit Kartoffeln erklären zu müssen.

Auch musste ich meine Einstellung zum Hamburger Mediziner korrigieren; die Übungen von Joseph Pilates hatten nicht nur mir geholfen, ja, Pilates wurde zum Inbegriff für Rückengymnastik. Die Kartoffel-Metapher hatte der Arzt tief in mein Gedächtnis implantiert und dadurch erreicht, dass ich meinen Leib und auch die Seele mit mehr Achtsamkeit betrachtete.

* * *

Plötzlich und unerwartet zuckte es im ganzen Körper wie ein Blitzeinschlag ohne Strom. Ich konnte mich, von jetzt auf gleich, nicht mehr bewegen, krümmte meinen Rücken vor Schmerzen, und es blieb nur noch der Fußboden. Das saubere, neue Parkett tröstete nicht, ich kam mir vor wie eine auf dem Rücken liegende Schildkröte, bewegungsunfähig. Mein Gehirn registrierte sofort diese Hilflosigkeit, und in Sekunden durchlebte ich wie im Schnelldurchlauf meine Rücken-Leidensgeschichte noch einmal. Aus dem Nebenzimmer hörte ich Ella mit ihrer Freundin telefonieren. Mit viel Kraftaufwand und Geschick, sie war mal bei den Rettungsschwimmern, bugsierte sie mich auf einen Stuhl. Sie verstand meine missliche Lage, hatte aber keine tröstenden Worte für mich. Stattdessen telefonierte sie weiter und erzählte im sensationellen Ton ihren Damen, was passiert war. 

Das tat ich dann auch mit meinem Kölner Freund Kurt. Gemeinsam hatten wir schon die Bundesjugendspiele, unseren ungarischen Volleyballtrainer und abenteuerliche Lateinarbeiten überstanden. Seit Jahrzehnten war er eine Art „beste Freundin“ für mich, überklug. Heute ist Kurt Psychologe. Und ohne mich zu sehen, sagte er: „Rücken, das kann auch Kopfsache sein.“ Ich nahm ihn ernst und dachte, jetzt ist es wirklich an der Zeit, Ratschläge anzunehmen und, wie er sagte, den Rücken mit Geist und Seele in Einklang zu bringen.

Was ich jetzt brauchte, war ein Ort, an dem man die Wirbelsäule wichtig nimmt, streichelt und fordert; ein Ort, wo „Rückgrat zeigen“ nicht anstrengend ist. Ein Kurort, nicht mondän, aber beschaulich, attraktiv gelegen und keine Weltreise von Berlin entfernt, so war die Vorstellung. Ich dachte an einen Badeort, wo ich gelassen aufstehen und an einem eleganten weiß gedeckten Tisch frühstücken würde, bevor ich danach die erste Massage genießen konnte. 

Bald musste ich feststellen, dass nicht nur die weißen Tischdecken Fantasien sind. In Zeiten der Pandemie wird eine Kur nicht erlaubt, möglich sind nur vom Arzt verschriebene Reha-Aufenthalte in Spezialkliniken. Mein Wellness-Traum war dahin. Dann aber erhielt ich den Anruf eines Chefarztes, der mir freundlich einen Platz in der Klinik Bad Doberan unweit der Ostsee anbot – kurzfristig, zum nächstmöglichen Termin. Da war er wieder, der Traum von  langen Strandspaziergängen, vom Wind zerzausten Haaren, dem Geruch des Meeres, wohligen Moorbädern und Kurschatten, die in langen bunten Kleidern an der Strandpromenade entlang flanieren und den Frühling herbeizaubern. Ich sagte sofort zu.